Erfinder der Prozessfinanzierung in Deutschland im Interview
Lothar Müller-Güldemeister betätigte sich nach seinem Jurastudium u.a. als Bankjurist, Immobilienkaufmann, Filmproduzent und Rechtsanwalt. Seine für einen Juristen außergewöhnliche unternehmerische Veranlagung führte ihn schließlich 1996 dazu, die FORIS AG zu gründen, das erste Unternehmen weltweit, das planmäßig Gerichtsprozesse gegen Erfolgsbeteiligung finanziert.
Heute ist Lothar Müller-Güldemeister als Rechtsanwalt in eigener Kanzlei in Berlin mit dem Fokus auf die Auseinandersetzung von Erbengemeinschaften und Gesellschaften tätig. In diesen und angrenzenden Rechtsgebieten vertritt er seine Mandanten außergerichtlich und gerichtlich im gesamten Bundesgebiet.
Die Kanzlei kann über diesen Link kontaktiert werden.
Im Interview hat er mit uns über seine FORIS-Zeit, die Anfänge der Prozessfinanzierung in Deutschland und seine heutige Tätigkeit im Bereich der Prozessfinanzierung gesprochen. Anschließend gibt er eine Einschätzung, wo er die Zukunft der Prozessfinanzierung in Deutschland und Europa sieht.
Rendite mit Recht: Wir blicken auf Ihre aktive FORIS-Zeit als Gründer und Vorstand zurück. Was war die mit Abstand größte Herausforderung?
Lothar Müller-Güldemeister: Eine „mit Abstand größte“ Herausforderung gab es nicht, da wir alles zugleich tun mussten: das Angebot am Markt etablieren, rechtliche Widerstände überwinden, uns gegen sofort auftretende Konkurrenz am Markt behaupten, Kapital einsammeln, das völlig neue Geschäftsmodell intern organisieren, die zur Finanzierung angetragenen Fälle prüfen und ihren Ausgang prognostizieren, geeignete Fälle identifizieren und entsprechende Verträge abschließen, uns mit schwierigen Kunden und ihren noch schwierigeren Anwälten herumschlagen, den Informationshunger der Börse befriedigen, später uns gegen falsche Anschuldigungen zur Wehr setzen…
Heute dürfte es für die meisten Prozessfinanzierungsunternehmen die größte Herausforderung sein, ausreichend geeignete Fälle zu finden, die genügend Deckungsbeiträge liefern, um die Fixkosten für Akquisition und laufende Verwaltung über die Strecke der laufenden Verfahren zu decken. Und die Finanzierung für die Verfahrenskosten so flexibel zu organisieren, dass dafür zwar ausreichend, aber auch nicht überflüssiges (und damit zu teures) Kapital zur Verfügung steht.
Rendite mit Recht: Sind Sie noch FORIS-Aktionär und verfolgen die Entwicklungen der FORIS AG, z.B. über Wallstreet-Online?
Lothar Müller-Güldemeister: Nur selten und unregelmäßig, da ich nicht mehr Aktionär bin.
Rendite mit Recht: Die FORIS AG hat früh in der US-amerikanischen Prozesslandschaft mitgemischt. Wieso hat sich die New Yorker Niederlassung im Land der Klageindustrie nicht etabliert?
Lothar Müller-Güldemeister: Ich würde sagen, die Zeit war noch nicht reif. Das Geschäftsmodell hatte sich als sehr erklärungsbedürftig erwiesen, und es ist uns nicht gelungen, eine ausreichende Nachfrage zu generieren. Die Tätigkeit blieb auf wenige Verfahren beschränkt.
Rendite mit Recht: Ihr Aktienpaket war zu Beginn der Börsennotierung – zumindest auf dem Papier – sage und schreibe zwanzig Millionen Euro wert. Und das, obwohl FORIS weder nennenswerten Umsatz noch Gewinn auswies.
Haben Sie zu diesem Zeitpunkt nicht mit dem Gedanken gespielt, Ihre Anteile teilweise oder auch in Gänze zu versilbern? Wenn ja, was hat Sie davon abgehalten?
Lothar Müller-Güldemeister: Wir mussten uns im ersten Jahr gegenüber der Börse verpflichten, keinen Buyout zu machen. Ich hätte es aber auch als schlechtes Signal und als Verrat gegenüber den Investoren angesehen, wenn ich kurz nach dem Börsengang meine Aktien versilbert hätte. Später fielen die Aktien so, dass ich sie lieber halten und auf bessere Kurse warten wollte.
Rendite mit Recht: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die zu Beginn der Börsennotierung derart hohe Marktbewertung der FORIS AG gewesen?
Lothar Müller-Güldemeister: Damals waren fast alle Aktien am Neuen Markt in Erwartung weiterer Kurse maßlos überbewertet. Es war schlicht eine Blase.
Rendite mit Recht: Im Vergleich zu den Anfangsjahren erwirtschaftet FORIS nunmehr – wenn auch unregelmäßig – Gewinne. Der Aktienkurs dümpelt trotzdem seit über zwei Dekaden seitwärts in einem Korridor zwischen 0 und 5 Euro. Der erhoffte Durchbruch der Aktie blieb bisher aus.
Würden Sie sagen, dass irgendwann der große Durchbruch kommt und die FORIS Aktie ein Investment wert ist?
Lothar Müller-Güldemeister: Aus meiner Sicht spricht nichts dafür. Die Musik spielt inzwischen bei den internationalen Prozessfinanzierern. FORIS bedient, soweit ich das beurteilen kann, nur den deutschen Nischenmarkt. Und in Deutschland sorgt die zurückgehende Zahl von Zivilprozessen bei gleichzeitig immer längerer Prozessdauer eher für eine sinkende nationale Nachfrage.
Was die FORIS anbetrifft, glaube ich, dass sie zu klein ist, um für größere und institutionelle Investoren interessant zu sein. Im Übrigen haben sich in den letzten Jahren die Vorstände quasi die Klinke in die Hand gegeben, was nicht gerade für eine solide und berechenbare Unternehmenspolitik spricht, die für Investoren interessant wäre.
Rendite mit Recht: Wie sieht Ihre heutige Arbeit im Bereich der Prozessfinanzierung aus und welche Unterschiede zu den Anfangsjahren fallen Ihnen explizit auf?
Lothar Müller-Güldemeister: Ich finanziere punktuell über eine mir gehörende Rechtsdienstleistungsgesellschaft einzelne Verfahren (z.B. zuletzt für geschädigte Fluggäste der Air Berlin) und bin außerdem an einer auf die Auseinandersetzung von Erbengemeinschaften spezialisierten Prozessfinanzierungsgesellschaft (ErbTeilung GmbH, Weilheim i. Obb.) beteiligt.
Rendite mit Recht: Könnten Sie sich grundsätzlich vorstellen, sich heute nochmal an einer neuen Unternehmung zu beteiligen, die Prozessfinanzierung zum Gegenstand hat, z.B. als Mitgesellschafter oder Investor eines Startups?
Lothar Müller-Güldemeister: Ich werde nicht jünger, da müsste schon alles passen…
Rendite mit Recht: Welche Chancen und Risiken sehen Sie bei der Kombination aus Prozessfinanzierung und KI-datengetriebener Fallvorauswahl?
Lothar Müller-Güldemeister: Die KI kann hier sicher Produktivitätsverbesserungen bringen, wie in jeder Anwaltskanzlei. Letztlich unterscheidet sich die Fallprüfung nicht so sehr von der in der Anwaltskanzlei.
Rendite mit Recht: Wenn Sie heute noch einmal von neu in der Prozessfinanzierungsbranche Fuß fassen würden, was würden Sie anders machen und was würden Sie genauso beibehalten?
Lothar Müller-Güldemeister: Ich verstehe die Frage so, dass wir wieder im Jahr 1999 sind und ich noch einmal als Marktpionier starten müsste. Ich hätte wohl versucht, mehr Geld einzusammeln, und hätte bei der Auswahl meiner Mitstreiter etwas mehr Sorgfalt walten lassen. Aber: hätte-hätte, Fahrradkette …
Rendite mit Recht: Was müsste passieren, damit Prozessfinanzierung in Deutschland und Europa zum Standardwerkzeug wird und eine größere Verbreitung in der breiten Masse findet?
Lothar Müller-Güldemeister: Ich glaube nicht, dass es jemals dazu kommen wird. Möglicherweise werden sich Legal-Tech-Unternehmen für die Verfolgung kleiner gleichartiger Ansprüche von Konsumenten weiter durchsetzen. Bei individuellen Ansprüchen mit kleinen Streitwerten – die die Masse darstellen – ist das Missverhältnis zwischen den Kosten der Rechtsverfolgung und dem Streitwert so groß, dass sie für eine Prozessfinanzierung ungeeignet sind (in den meisten Fällen auch für jegliche Prozessführung, so dass sich hier wahrscheinlich alternative Streitschlichtungsmodelle durchsetzen müssen).
Wir danken Herrn Müller-Güldemeister für seine Zeit und für das Interview.
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